Der Leiter des Naturhistorischen Museums und sein Lieblingsstück
Lebendes Fossil
Als das seltsame Tier vor 150 Jahren per Schiff aus dem entfernten Australien ankam und zum ersten Mal in Mainz in Augenschein genommen wurde, glaubten viele, es müsse sich um einen Scherz eines Präparators handeln. Die seriösen Wissenschaftler meinten, jemand hätte einfach aus zwei Tieren ein neues gebaut, nur um sie zu verspotten.
Das eierlegende Säugetier mit dem Körper eines Biebers und dem Schnabel einer Ente gibt es wirklich, auch wenn das Tier mittlerweile vom Aussterben bedroht ist. Welches ist das persönliches Lieblingsstück in ihrem Museum: Diese Frage stellt „die lokale zeitung – stadtausgabe“ regelmäßig den Mainzer Museumsdirektoren in der gleichnamigen Rubrik. Für die aktuelle Ausgabe haben wir mit Dr. Michael Schmitz gesprochen. Er ist der Leiter des Naturhistorischen Museums. Sein Lieblingsstück ist das Schnabeltier.
Zur Bildung und Erbauung der Mainzer Bürger
Der Mann, der dort entspannt an seinem Schreibtisch sitzt, liebt seinen Beruf, das merkt man sofort. Wenn er begeistert von der Entstehungsgeschichte seines Museums erzählt, kann man sich gut in die damalige Zeit hineinversetzen und die Aufbruchsstimmung jener Tage nachvollziehen. Die Sammlungen, die den Grundstock des Naturhistorischen Museums Mainz bildet, wurde 1834 ins Leben gerufen. Sie fällt also in die Zeit der großen Forschungsreisen, als Charles Darwin und Alexander von Humboldt mit ihren Ideen die Welt veränderten. Überall gründeten die Wissenschaftler Gelehrtengesellschaften. Vor diesem Hintergrund entstand auch die Rheinische Naturforschende Gesellschaft. Die Wissenschaftler begannen auch hierzulande mit dem Sammeln von naturhistorischen Objekten „zur Bildung und Erbauung der Mainzer Bürger“, wie es damals hieß. Als die Stadt Mainz die Sammlung 1910 übernahm, entstand das Naturhistorische Museum.
Am Schnittpunkt der Aufspaltung der Arten
Auch wenn man das alles für einen plumpen Scherz hielt, das ausgestopfte Schnabeltier war eines der ersten Sammelstücke der Rheinischen Naturforschenden Gesellschaft. Von so einem befremdlichen Tier hatte man in Mainz bis dahin nichts gehört. Es scheint fast so, als wollte das Schnabeltier die Welt schon einmal auf die Darwin‘sche Evolutionstheorie vorbereiten, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht war. Das Schnabeltier gilt als ein lebendes Fossil, denn es steht am Schnittpunkt der Aufspaltung der Arten in Reptilien und Säugetiere. „Gerade solche Kreaturen sind ein wichtiges Puzzlestück bei der Suche nach der Entstehung der Arten“, erklärt der Museumsleiter.
Vermittelnde Funktion
Für Schmitz hat das Schnabeltier somit eine vermittelnde Funktion zwischen den Gattungen. Damit wird es für den Wissenschaftler zudem zum idealen Symbol für das Museum selbst, denn das steht ja bekanntlich für die Bio- und die Geowissenschaften. „Eine Gratwanderung, die nicht immer leicht ist, weil man fortwährend zwischen den beiden Strömungen vermitteln muss“, erklärt der Museumschef. Aber das ist für ihn das wichtigste an seinem Job. In seiner Funktion als Museumsleiter will er nicht nur zwischen Bio-und Geowissenschaften ausgleichen, sondern auch deutlich machen, dass in seinem Museum Wissenschaft und Kultur zusammengehören.
Naturwissenschaft als Kulturgut
„Für viele ist es ganz einfach, da haben wir auf der einen Seite die Naturwissenschaft und auf der anderen die Kultur. Aber auch die Naturwissenschaft ist ein Kulturgut“, erklärt Schmitz und verdeutlicht dies an seinem Beispiel: Zu der Zeit, als die Rheinische Naturforschende Gesellschaft gegründet wurde, war die Welt noch eine andere. „Die Art und Weise, wie das Schnabeltier präpariert und ausgestellt worden sind, das unterliegt ganz klar einer Mode, zeigt viel über das Weltbild der damaligen Zeit“, erläutert der Museumschef. •ag•
Foto: Armin Gemmer

